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ISO 45001 oder Branchenlösung Arbeitssicherheit: Was passt?
Die Branchenlösung erfüllt die gesetzliche Pflicht, ISO 45001 belegt Ihr System gegenüber Kunden. So entscheiden Sie, was Ihr Betrieb braucht.
Von Michael Schwarz, Lead Auditor ISO 9001 und 14001, SICE
Eine Branchenlösung hilft Ihnen, die gesetzlichen Anforderungen an die Arbeitssicherheit zu erfüllen. ISO 45001 ist ein internationaler Standard, mit dem Sie Kunden und Einkäufern nachweisen, dass Sie Arbeitssicherheit systematisch führen. Die beiden Ansätze beantworten verschiedene Fragen, deshalb müssen Sie sich oft nicht für einen von beiden entscheiden.
Der Unterschied zeigt sich im Alltag an einer einfachen Stelle: Wer Sie fragt, ob Sie eine Branchenlösung haben, ist meist eine Behörde oder ein Versicherer. Wer Sie nach einem ISO-Zertifikat fragt, ist meist ein Kunde in einer Ausschreibung oder einem Lieferantenfragebogen.
Was ist eine Branchenlösung für Arbeitssicherheit?
In der Schweiz verpflichtet die Verordnung über die Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten (VUV) Arbeitgeber dazu, Arbeitsärzte und andere Spezialisten der Arbeitssicherheit beizuziehen, wenn es die Gefährdung im Betrieb verlangt. Die Details regelt die EKAS-Richtlinie 6508. Sie lässt mehrere Wege zu: den Beizug externer Spezialisten, eine Betriebsgruppenlösung oder eben eine Branchenlösung.
Bei einer Branchenlösung hat ein Branchenverband oder eine Berufsorganisation ein Sicherheitskonzept für seine Mitglieder ausgearbeitet. Als Mitglied erhalten Sie Schulungen, Checklisten, Hilfsmittel und meist eine Ausbildung für die Person, die im Betrieb für Sicherheit zuständig ist. Sie müssen das Rad nicht selbst erfinden. Das Konzept kennt die typischen Gefahren Ihres Gewerbes, vom Sturz von der Leiter über Lärm bis zum Umgang mit Chemikalien.
Das ist der grosse Vorteil: Die Lösung ist auf Ihr Handwerk zugeschnitten und für kleine Betriebe gut machbar. Die Grenze liegt dort, wo sie endet. Eine Branchenlösung gilt innerhalb der Branche und gegenüber den Vollzugsbehörden. Ein Einkäufer in einem anderen Land oder in einer anderen Branche kann mit dem Begriff oft wenig anfangen.
Was ist ISO 45001?
ISO 45001:2018 ist die internationale Norm für Arbeitsschutzmanagementsysteme. Sie schreibt keine technischen Grenzwerte vor und kennt keine Branchenregeln. Sie verlangt, dass Sie Ihr Vorgehen festlegen, umsetzen, prüfen und verbessern.
Die Norm folgt der gemeinsamen Struktur der ISO-Managementsystemnormen:
- Kapitel 4, Kontext der Organisation: Wer hat welche Erwartungen, welche Tätigkeiten gehören zum System?
- Kapitel 5, Führung: Die Geschäftsleitung übernimmt Verantwortung, und die Mitarbeitenden werden einbezogen.
- Kapitel 6, Planung: Gefährdungen werden ermittelt, Risiken bewertet, Ziele festgelegt.
- Kapitel 7, Unterstützung: Kompetenzen, Schulung, Kommunikation, dokumentierte Information.
- Kapitel 8, Betrieb: Schutzmassnahmen, Notfallvorsorge, Umgang mit Lieferanten und Fremdfirmen.
- Kapitel 9, Bewertung der Leistung: Überwachung, interne Audits, Management-Review.
- Kapitel 10, Verbesserung: Vorfälle, Korrekturmassnahmen, laufende Verbesserung.
Der Standard fragt also weniger, ob Sie jede einzelne Vorschrift Ihrer Branche kennen, sondern ob Sie ein System haben, das Gefährdungen findet und Massnahmen nachhält. Die Einhaltung der geltenden Rechtsvorschriften bleibt dabei Teil Ihrer Verantwortung. ISO 45001 ersetzt sie nicht.
Die Unterschiede im Vergleich
| Frage | Branchenlösung | ISO 45001 |
|---|---|---|
| Wozu dient sie? | Erfüllung der gesetzlichen ASA-Pflicht | Nachweis eines Managementsystems |
| Wer verlangt sie? | Behörden, Versicherer | Kunden, Einkauf, Ausschreibungen |
| Wer hat sie erarbeitet? | Branchenverband | Internationale Normenorganisation |
| Branchenbezug | Stark, auf Ihr Gewerbe zugeschnitten | Branchenneutral |
| Verständlich im Ausland? | Kaum | Ja |
| Pflicht? | Der Beizug von ASA-Spezialisten ist Pflicht, der Weg ist wählbar | Freiwillig |
Wichtig: Ein ISO-45001-Zertifikat befreit Sie nicht automatisch von der ASA-Pflicht, und eine Branchenlösung ersetzt kein Zertifikat. Ob Ihr System die Anforderungen im Einzelfall abdeckt, klären Sie mit Ihrer Branchenlösung oder der zuständigen Vollzugsbehörde.
Wann reicht die Branchenlösung?
Sie reicht, wenn Ihre Kunden nie nach einem Zertifikat fragen. Das trifft auf viele Handwerksbetriebe zu, die für Privatkunden oder lokale Auftraggeber arbeiten. Dort zählt, dass die Baustelle sicher ist und die Versicherung nichts beanstandet.
Auch wenn Ihr Betrieb klein ist und wenige Gefährdungen kennt, ist die Branchenlösung oft der kürzeste Weg. Sie bekommen fertige Unterlagen, und die zuständige Person im Betrieb weiss nach der Schulung, was zu tun ist. Wer ohnehin Mitglied im Verband ist, hat den Zugang bereits.
Wann braucht es ISO 45001?
Das Zertifikat wird interessant, sobald jemand ausserhalb Ihres Verbands Nachweise verlangt. Typische Auslöser sind:
- Ein Lieferantenfragebogen eines Industriekunden enthält die Frage nach einem Arbeitsschutzmanagementsystem nach ISO 45001.
- Eine öffentliche oder private Ausschreibung nennt Zertifikate als Eignungskriterium.
- Ein Grosskunde führt ein Kundenaudit durch und möchte Ihr System nicht jedes Mal von Grund auf prüfen.
- Sie arbeiten als Subunternehmer auf Grossbaustellen und müssen dem Generalunternehmer Ihre Sicherheitsorganisation belegen.
- Sie wollen in Deutschland, Österreich oder Frankreich Aufträge gewinnen, wo die Schweizer Branchenlösung kein Begriff ist.
In all diesen Fällen sucht der Einkauf ein Dokument, das er in die Lieferantendatei legen kann. Eine Mitgliedschaft in einem Branchenverband erfüllt diesen Zweck selten.
Beides zusammen ist möglich
Die Branchenlösung liefert die Inhalte: Gefährdungsermittlung, Schulungen, Massnahmen für Ihr Gewerbe. ISO 45001 liefert den Rahmen: Zuständigkeiten, Ziele, Überprüfung, Verbesserung. Wer die Unterlagen seiner Branchenlösung bereits führt, hat für Kapitel 6 und 8 der Norm einen guten Teil der Arbeit erledigt.
Offen ist dann meist, was die Norm zusätzlich verlangt: eine Politik der Geschäftsleitung, messbare Ziele, ein Verfahren für interne Überprüfung und eine jährliche Bewertung durch die Leitung. Das sind Dokumente und Abläufe, keine neuen Fachkenntnisse. Für kleinere Firmen finden Sie weitere Überlegungen in unserem Leitfaden zu ISO-Zertifizierung für KMU.
Checkliste: Was braucht Ihr Betrieb?
Sind die ersten drei Punkte erfüllt und der vierte ergibt keinen Bedarf, genügt vermutlich die Branchenlösung. Taucht ISO 45001 in Ihren Kundenunterlagen auf, lohnt sich der Blick auf ein Zertifikat.
Wie Zertify zu dieser Entscheidung passt
Die klassische Route führt über ein Audit vor Ort durch eine Zertifizierungsstelle. Sie hat ihre Berechtigung, etwa wenn ein Kunde ausdrücklich ein solches Audit verlangt. Für Betriebe, die vor allem einen belegbaren Nachweis für Einkauf und Ausschreibung benötigen, gibt es eine zweite Möglichkeit. Wie sich die beiden Wege unterscheiden, beschreiben wir in unserem Beitrag zur ISO-Zertifizierung ohne Audit.
Bei Zertify beantworten Sie einen Online-Fragebogen zu ISO 45001:2018 Arbeitsschutzmanagement. Ein Mitglied des SICE Certification Board prüft jede Selbstbeurteilung, bevor das Zertifikat ausgestellt wird. Ausgestellt wird es von der G6 Agency AG im Rahmen einer Lizenz des SICE (Swiss Institute of Certification and Education). Nach bestandener Beurteilung und Zahlung erhalten Sie das Zertifikat innerhalb von 4 Stunden. Auf dem PDF finden Sie einen QR-Code, über den Ihr Kunde auf einer Verifikationsseite die Echtheit prüfen kann.
Das Zertifikat gilt drei Jahre. Jedes Jahr bestätigen Sie es mit einem kurzen Online-Re-Audit, das als jährliches Abonnement läuft. Die Kosten finden Sie auf der Preisseite. Wenn Sie wissen möchten, wo Ihr Betrieb steht, können Sie die Selbstbeurteilung starten.
Ihre Branchenlösung behalten Sie dabei bei. Das Zertifikat ersetzt sie nicht, es ergänzt sie um einen Nachweis, den Ihr Kunde lesen kann.
Und in Deutschland, Österreich und Frankreich?
Die Branchenlösung ist ein Schweizer Instrument. In Deutschland betreuen Berufsgenossenschaften und Unfallkassen die Betriebe nach eigenen Vorgaben der gesetzlichen Unfallversicherung. In Österreich spielen die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt und die Sicherheitsfachkräfte eine zentrale Rolle. In Frankreich gelten wiederum andere Regeln. Wer als Schweizer Betrieb dort verkauft, begegnet deshalb eher der Frage nach ISO 45001 als der Frage nach der Branchenlösung. Das gilt umgekehrt auch für Betriebe aus dem Ausland, die in der Schweiz arbeiten: Sie bringen meist ein ISO-Zertifikat mit und müssen trotzdem die Schweizer Vorschriften einhalten.
Eine Entscheidung in drei Schritten
Erstens: Klären Sie, ob Ihre gesetzliche Pflicht erfüllt ist. Dort beginnt alles, unabhängig vom Zertifikat. Zweitens: Sehen Sie nach, wer in den letzten zwölf Monaten nach einem Nachweis gefragt hat und in welcher Form. Drittens: Entscheiden Sie, ob ein Zertifikat Ihnen Aufträge öffnet, die Sie heute nicht bekommen. Wenn ja, bauen Sie auf der bestehenden Branchenlösung auf und ergänzen, was die Norm zusätzlich verlangt.
Häufige Fragen
Ersetzt ISO 45001 die Branchenlösung für Arbeitssicherheit?
Nein. Die Branchenlösung ist eine Möglichkeit, die gesetzliche Pflicht zum Beizug von Arbeitsärzten und anderen Spezialisten der Arbeitssicherheit zu erfüllen. ISO 45001 ist ein freiwilliger Nachweis für ein Managementsystem. Ob Ihr System die gesetzlichen Anforderungen im Einzelfall abdeckt, klären Sie mit Ihrer Branchenlösung oder der Vollzugsbehörde.
Brauche ich ISO 45001, wenn ich bereits einer Branchenlösung angeschlossen bin?
Nur wenn Kunden, Ausschreibungen oder Lieferantenfragebogen ein Zertifikat verlangen. Für die gesetzliche Pflicht genügt die Branchenlösung. Das Zertifikat lohnt sich vor allem bei Industriekunden, Grossbaustellen und Aufträgen im Ausland.
Kann ich die Unterlagen der Branchenlösung für ISO 45001 weiterverwenden?
Ja, vieles lässt sich übernehmen, zum Beispiel die Gefährdungsermittlung und die Massnahmen für Ihre Tätigkeiten. Zusätzlich verlangt die Norm unter anderem eine Politik der Geschäftsleitung, messbare Ziele, interne Überprüfung und eine Bewertung durch die Leitung.
Wie lange gilt ein Zertifikat von Zertify?
Das Zertifikat ist drei Jahre gültig. Es wird jedes Jahr mit einem kurzen Online-Re-Audit bestätigt, das als jährliches Abonnement läuft. Die Echtheit lässt sich über den QR-Code auf dem PDF auf einer Verifikationsseite prüfen.
Wie schnell erhalte ich das Zertifikat nach der Selbstbeurteilung?
Nach bestandener Beurteilung und Zahlung stellt Zertify das Zertifikat innerhalb von 4 Stunden aus. Zuvor prüft ein Mitglied des SICE Certification Board Ihre Selbstbeurteilung.


